Regionales

Amok-Fahrer aus Bernsbach vor Gericht

In Chemnitz wird einer der schwersten Angriffe auf Polizeibeamte der Region verhandelt


Angeklagter Martin R.

Foto: Haertel

Chemnitz/Bernsbach. Im vergangenen Jahr sind in Sachsen 2331 Straftaten gegen Polizisten verübt worden. Bei fast der Hälfte der Fälle wurden Beamte tätlich angegriffen, 336-mal Polizisten verletzt. Der Fall, der seit Mittwoch vor dem Chemnitzer Landgericht verhandelt wird, ist in dieser Statistik nicht enthalten. Er ereignete sich erst im März. Er gehört zu den brutalsten Übergriffen auf Beamte in der Region.

Auf der Anklagebank sitzt der 29-jährige Martin R. aus Bernsbach. Fast jeder im Ort kennt ihn. Viele schätzen den ledigen Mann wegen seiner Hilfsbereitschaft. Wenn ihn jemand um einen Gefallen bittet, kann er nicht Nein sagen. Auch nicht, wenn er dazu "mal das eine oder andere Ding" drehen muss, wie er selbst einräumt. Achtmal wurde der gelernte Gartenbaufachwerker bereits verurteilt. Zunächst kam er immer mit Bewährungsstrafen davon. Beim letzten Urteil im Dezember 2008 hatte der Richter kein Erbarmen mehr. Wegen unerlaubter Benutzung eines Landwirtschaftsfahrzeuges verurteilte er Martin R. zu vier Monaten Haft. Weil er die Tat aber zu einer Zeit beging, in der er unter Bewährung stand, bekam er im März dieses Jahres den Bescheid, dass er auch die 16 Monate aus einem vorherigen Urteil als Haftstrafe absitzen muss. "Da brach für mich eine Welt zusammen", sagte der Angeklagte gestern als Begründung auf die Vorwürfe, die Staatsanwalt Stephan Butzkies ihm zuvor zur Last gelegt hatte und die der Bernsbacher im Wesentlichen bestätigte.

Danach hatte R. am 6. März von einem Firmengelände in Bernsbach einen fast fünf Meter langen Traktor gestohlen und mit einem Allzweckschlüssel gestartet. Er fuhr mit ihm ohne Fahrerlaubnis und stark alkoholisiert nach Grünstädtel zum Tanken. Dort machte er sich gegen 5 Uhr aus dem Staub, ohne die Rechnung von 270,84 Euro zu bezahlen. Als er eine Stunde später auf den Zufahrtsweg zum elterlichen Bauernhof einbog, wo er eine eigene Wohnung besitzt, bemerkte er neben der Garage einen Streifenwagen der Polizei. Die Beamten hatten Kenntnis von dem gestohlenen Traktor und warteten schon auf R. Der trat aufs Gaspedal und fuhr mit 50 Sachen auf den ihm entgegen kommenden Polizisten zu.

Erst als sich der Traktor bis auf drei Meter genähert hatte, sprang der Beamte zur Seite. Der Angeklagte fuhr weiter, ohne das Tempo zu drosseln und startete einen neuerlichen Angriff auf den Uniformierten, der sich wiederum in Sicherheit bringen konnte. Schließlich fuhr R. rückwärts gegen den Funkstreifenwagen und drückte ihn gegen die Garagenwand. Die Folge: Totalschaden. R. düste davon, demolierte unterwegs einen geparkten Kleintransporter und startete gegen 7.40 Uhr schließlich in Grünhain einen neuerlichen Angriff auf ein Polizeiauto. Diesmal fuhr er mit nach vorn gerichteten Ladegabeln auf den Polizei-Golf zu. Beiden Beamten gelang es, vor dem Rammstoß aus dem Auto zu springen. R. schob den unbemannten Wagen noch 15 Meter vor sich her und drückte ihn in ein Gebüsch. Schließlich fuhr er noch einmal im Rückwärtsgang auf einen der Beamten zu. Erst als dieser drei Schüsse Richtung Traktor abgab, ließ R. von seinem Vorhaben ab. 84 Polizeibeamte waren ihm an jenem Morgen auf den Fersen. Stellen konnte ihn schließlich ein Bekannter in der Nähe des Friedhofs. Er nahm dem Amok-Fahrer den Zündschlüssel ab.

"Wohin ich wollte, kann ich nicht sagen. Ich hatte keinen Plan. Ich hatte nur Angst, die fahren mir nach und schießen auf mich", sagte der Angeklagte. "Die waren doch schon 40- oder 50-mal bei mir. Ich hatte auch Angst vor dem Gefängnis, vor den Banden dort." Für den Prozess wegen versuchten Totschlags sind noch drei Verhandlungstage angesetzt. Das Zünglein an der Waage dürfte das Gutachten des Sachverständigen zur Schuldfähigkeit von R. werden, vor allem zu der Frage, inwieweit er überhaupt ein Unrechtsbewusstsein besitzt.


Von Gabi Thieme

Erschienen am 02.12.2009


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